Felix
Felix
1. Oktober 2022
SelbstorganisationNew WorkFinanzplanung
Menschenmenge form einen Pfeil

Verantwortung loslassen und weiter kommen

Warum es so schwer ist, Verantwortung abzugeben und warum es um so wichtiger ist, es doch zu tun. Ein ungefilterter Erfahrungsbericht zum Thema Selbstorganisation.

In einer Firma, in der alle gleichberechtigt sind, sind auch alle zu gleichen Teilen bereit, Verantwortung zu übernehmen. So dachte ich, als ich im Frühling vor zwei Jahren meinen Namen unter das Gründungsprotokoll der Ausguck GmbH schrieb.

Die Stimmung kippt

Knapp zwei Jahre später, es ist Winter, etwa Mitternacht, sitze ich zu Hause auf unserem Sofa und starre müde auf meinen Laptop. Meine Frau und meine Kinder schlafen schon lange. Wenn ich es bis zum Monatsende schaffe, jede Nacht noch drei Stunden zusätzlich zu arbeiten, sollten wir es schaffen, die meisten Gehälter zu überweisen. Mein eigenes Gehalt überweise ich mir später.

Für Ausguck arbeiten inzwischen acht Personen und Aufträge kommen und manchmal gehen sie auch. Ich habe allen versprochen, mitbestimmen zu dürfen, auch über die Verteilung der Gewinne. Darüber, wie wir mit Verlusten umgehen, gibt es jedoch keine Absprachen. Offiziell bin ich alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer. Da ich der Einzige bin, der eine Kapitaleinlage zu verlieren droht, ist meine Motivation, Stunden bzw. Codezeilen zu reißen, nun doch unverhältnismäßig höher. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Kommunikation zum richtigen Zeitpunkt

Also warte ich auf den perfekten Zeitpunkt, um mit den anderen zu besprechen, wie wir mit der Situation umgehen. Bei der Weihnachtsfeier um etwa 3 Uhr morgens nach dem ein oder anderen Getränk zu viel, kommt das Gespräch zufällig doch wieder auf die Arbeit. Ich ergreife die Chance und erwähne, dass ich es unfair finde, die Gewinne zu teilen, solange ich das Risiko eines Verlustes alleine trage. Es kommt zu einer lebhaften Diskussion mit dem Fazit, dass es meine Verantwortung sei, die Unternehmung zu beenden, bevor es überhaupt zu Verlusten kommen kann.

Der Kater vergeht, die Gedanken kreisen und mir wird langsam klar, dass über meinen Versuch, im stillen Kämmerlein die Firma über Wasser zu halten, die Kommunikation zum Team viel zu kurz gekommen ist. Bisher hab ich mich größtenteils selbst um den Vertrieb und die Finanzplanung gekümmert. Niemand schien großes Interesse an diesem Thema zu haben. Also nehme ich mir vor, das Team an meinen Gedanken zu diesem Thema zu beteiligen und die Finanzrunde entsteht.

Transparenz hilft

In der Finanzrunde treffen sich jeden letzten Freitag des Monats alle projektverantwortlichen Mitarbeiter und aktualisieren eine Excel-Liste. Dort werden alle erwarten Ausgaben und Einnahmen für die kommenden 12 Monate festgehalten. Daraus generieren wir ein Balkendiagramm, in dem der erwartete Kontostand der nächsten 12 Monate sichtbar wird und präsentieren diese dem gesamten Team. So wissen alle, wo wir gerade stehen.

Das machen wir inzwischen seit ca. 6 Monaten und es läuft hervorragend! Als neulich unserer Liquidität ein kleiner Einbruch drohte, kam aus dem Team die Bitte, die Situation zu besprechen, noch bevor ich selbst ein Problem sah. Die monatliche Jahresprognose führt dazu, dass sich alle mit Ideen zu Vertriebswegen und Marketingmaßnahmen einbringen. Die Motivation und das Verantwortungsbewusstsein im Team ist inzwischen größer, als ich es je erwartet hätte. Irre!

Diese Erfahrung der letzten 12 Monate war zumindest für mich eine emotionale Achterbahnfahrt, aber ich habe das Gefühl, wir haben einen riesigen Schritt gemacht. Im Nachhinein Frage ich mich, wie ich so blind sein konnte, aber es ist auch einfach verdammt schwer loszulassen und Verantwortung abzugeben. Vor allem, wenn es um das eigene Geld geht. Gut, dass dieser Stolperstein aus dem Weg ist.

Mein Fazit

Menschen wollen Verantwortung übernehmen. Sie tun sich eher schwer damit, sie abzugeben.